Alternative Facts und Gaslighting. Fake News und Lügenpresse. Begriffe, die seit kurzer Zeit unsere Medien dominieren. Wenn ich morgens meine Nachrichten im Internet lese, dann glaube ich dem News-Feed meines Vertrauens blind. Hin und wieder, wenn mir etwas extrem auffällt, mache ich einen Faktencheck. Über Fußnoten und Quellenverzeichnis navigiere ich zum Ursprung der genannten Daten. Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die Quellen prüfen, oder gar wissen, wie man vertrauenswürdige Quellen von nicht vertrauenswürdigen Quellen unterscheidet recht gering. Womit hat der verantwortungsvolle Medien-Rezipient heute zu kämpfen?

 

Sieg durch Alternative Facts

Auf der ganzen Welt können wir momentan beobachten, wie populistische Botschaften immer mehr Halt und Beachtung in der Gesellschaft finden. Diese Art des Populismus ist reißerisch, undiplomatisch, scheinheilig und heuchlerisch. Sie macht aus Ereignissen, Entwicklungen und Phänomenen, die komplexer Natur sind ganz simple Schwarz-Weiß-Konstrukte und zeigt mit dem Finger auf die schlechte Seite. Und genau das ist der Punkt: Es wird nur eine Seite beleuchtet. Diese Seite ist plakativ und leicht verständlich, denn sie präsentiert Alternative Facts – eine andere Version der Wahrheit. Sie spricht eine Zielgruppe an, die wenig Grundwissen hat. Oftmals auch wenig Bildung. Diese Zielgruppe steht schon lange am symbolischen Bahnsteig und wartet darauf, auf einen populistischen Zug aufzuspringen. Von drinnen wird aus den Fenstern gegröhlt.  Aber sind wir – die wir uns reflektierter, gebildeter, liberaler und manchmal auch linkslastiger bezeichnen – vor diesen Botschaften geschützt? Der Zug, mit dem diese Leute fahren, trägt den Namen Gaslighting.

 

Psychologische Waffe: Gaslight

Als Gaslighting (dt.: „Gaslichtern“) wird eine Form von psychischer Gewalt bezeichnet, mit der ein Opfer gezielt desorientiert werden soll. Der Begriff leitet sich von dem Theaterstück Gaslight ab, in dem diese Vorgehensweise erstmals beschrieben worden ist. (Quelle: Wikipedia)

Im Theaterstück „Gaslight“ (Patrick Hamilton, 1938) wird Protagonistin Bella von ihrem Ehemann Jack vorsätzlich terrorisiert. Gegenstände verschwinden, Jack flirtet mit der Dienerschaft und plant kriminelle Machenschaften. Jacks korrupte Strategie lässt Bella an ihrer eigenen Wahrnehmung und Realität zweifeln. Nach und nach verschwinden Gegenstände aus dem Haushalt. Bella verlässt das Vertrauen zu ihrer eigene Wahrnehmung. Letztendlich klammert sie sich an einen einzigen verlässlichen Beweis, der ihre Perspektive als Wahrheit bestätigt: Das im Haus gedimmte Gaslicht, das Jack als Lügner überführt.

 

Opfer von Gaslighting

Jemanden zu gaslighten, bedeutet über einen gewissen Zeitraum die Realität zu verzerren: Wir präsentieren Alternative Facts, also nicht die empirische, messbare Wahrheit, sondern eine andere Version, die ebenfalls plausibel erscheint. Die Opfer von Gaslighting sind dabei nicht der Pöbel, der dem Populismus die Hand gibt, sondern jene, die sich als verantwortungsvolle Medienrezipient_innen verstehen. Jene, die Fakten wünschen und kritisch beäugen, was auf rechter Seite geschieht. Das Schlimme daran: Eine Gaslighting-Strategie lässt uns nach und nach mehr daran zweifeln, ob unsere ursprüngliche Sicht der Dinge überhaupt die Richtige ist. Sie lässt uns zweifeln, ob unsere gelebte Realität nur eine verzerrte und überoptimistische Version einer ganz anderen Realität ist.

Gaslighting ist nicht nur ein Phänomen der aktuellen, populistischen Politik. Vermutlich bist auch du schon gegaslightet worden. Von einem Ex-Partner oder Ex-Partnerin. Vermutlich in einer Situation, die für dich einen Konflikt auslöste und du einen Vorwurf zur Sprache brachtest. Über längeren Zeitraum wurde dir dann eingeredet, dass du dir das Erlebte eingebildet hast. Und solltest du länger an deinen Aussagen festgehalten haben, wurdest du als Verursacher_in des Konflikts benannt. Es wurde dir eingeredet, dass du Schuld an der Unruhe hattest.

 

Depressionen und Belastungsstörungen

Opfer von Gaslighting nehmen zwei Realitäten wahr, lösen sich meist aber niemals von ihrer ursprünglichen Seite der Wahrheit. Durch wiederholte Vorwürfe und den daraus resultierenden Zwiespalt entstehen schwere Depressionen und psychische Erkrankungen. In manchen Fällen können sich langfristige dissoziative Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln. Oftmals begleitet durch psychosomatische Auswirkungen, also Erkrankungen auf körperlicher Seite: Schlafmangel, Essstörungen, Gewichtsschwankungen, Immunschwächen.

 

Trump: Strategischer Psycho-Terror

Unter Trumps Regime lösen sich Fakten auf. Wie der Dunst über einer Gasflamme ist globaler Klimawandeln nun eine Verschwörung. Islam wird zum Initiator für Krieg. Fremde, kulturelle Werte werden binär, also „nur“ gut oder schlecht. Und Geschlechtergerechtigkeit ist längst kein Thema mehr, so lange eine Frau „eine 10“ ist und sich bei der Pussy grabben lässt. Wie konnte es so weit kommen?

 

Burn the Witch – or not?

Wie zu Zeiten der Inquisition sieht man den Pöbel, der dem Populismus folgt. Statt mit Fackeln und Mistgabeln stellen sie sich nun mit patriotischen Fahnen und Bannern bei den großen, rechten Ralleys auf. Sie vertrauen und glauben der propagierten Realität der Rechten. Mit Hilfe von Webseiten wie PolitiFacts lassen sich Lügen, vermeintliche Alternative Facts, Fake News und Gaslighting leicht entlarven. Der Kampf um die Wahrheit und letztendlich Gerechtigkeit, ist ein harter und langer Weg. Doch was passiert dabei mit den Medien, in rechter Sparte als „Lügenpresse“ oder „Dishonest Media“ bezeichnet?

 

fake news Facebook
Fake News und Satire Nachrichten sollten unterschieden werden. Auch so manche Figur in der Politlandschaft Österreich hat sich schon dazu hinreißen lassen, auf eine Satire-Meldung einzugehen.

 

Danke, Alternative Facts und Gaslighting: Unser Vertrauen in Medien sinkt

Durch diese riesige Welle an Botschaften, die uns als reflektierte User manchmal selber zweifeln lassen, wird nachhaltig am Image der Medienbranche gekratzt. Momentan sind die Quellen, die unter der Oberfläche Hass und Lügen in unser Leben streuen noch gering und können relativ leicht entlarvt werden. Sollte Moral und Ethik der Medientreibenden über den Trend der Gegenwart noch weiter verfallen, wird dieses unstabile Image mit Sicherheit auf Werbetreibende reflektieren. In diesem dunklen Szenario müssen selbst simple Werbebotschaften auf der Stelle mit empirischer Beweislage gerechtfertigt werden. Werbesujets werden mit dem Zusatz „Bild könnte nicht der subjektiven Realität entsprechen“ versehen. Und unter Produktfotos steht „Dieses Bild wurde digital nachbearbeitet“. Zugegeben, dieses Szenario ist ein wenig überspitzt.

Als im Jahr 2015 Donald Trump als Präsident in der Serie „The Simpsons“ auftauchte, da lachten wir alle allerdings auch noch sehr. (Zu beachten: Die Folge wurde tatsächlich 2015 ausgestrahlt. Die unten stehende Bildkomposition war auch „Fake News“)

Trump Simpsons

Trump bei „The Simpsons“ aus 2015